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Warum bekommen Sie kein Darlehen? Interview mit einem Bankexperten

Praktische Schwie­rig­kei­ten mit der Kre­dit­ver­sor­gung für die Wirt­schaft und Pri­va­te 

von Dr. Thomas Schulte, Bankkaufmann und Rechtsanwalt

Ber­lin, Ja­nu­ar 2011

Der Artikel beleuchtet die Kommunikationsdefizite der Kreditpartner.

Die Rechts­an­wäl­te, die im Be­reich des Bank- und Ka­pi­tal­mark­trechts ak­tiv sind, ver­fü­gen in der Re­gel über ein brei­tes Netz­werk von Kol­le­gen und Per­so­nen, die für Ban­ken und Ver­si­che­run­gen in­tern und ex­tern tä­tig sind.  Ju­ris­ti­sche Prob­le­me ent­ste­hen ins­be­son­de­re des­halb, weil er­heb­li­che Kom­mu­ni­ka­tions­pro­ble­me zwi­schen Ban­ken und Kun­den, sei­en es ge­werb­li­che oder pri­va­te Kun­den, be­ste­hen. Eine Binsenwahrheit? Die Banken haben inzwischen aufsichtsrechtlich die Mindestanforderungen an das Risikomanagement - MaRisk - durchgesetzt; d.h. es gibt interne und externe Kontrollen der Kreditvergabe, klare Kriterien und standardisierte Abläufe. 

Wa­rum ist das so? Zur Il­lust­ra­ti­on hat der Au­tor ein In­ter­view mit ei­nem Mit­ar­bei­ter ei­ner Bank ge­führt, der ge­gen­über sei­nem Ar­beit­ge­ber ano­nym blei­ben möch­te. Der In­ter­view­part­ner ist lang­jäh­rig in füh­ren­der Po­si­ti­on bei ver­schie­de­nen Ban­ken in der Kre­dit­be­ar­bei­tung tä­tig.
 
Dr. Schulte: Wo­rin lie­gen die Haupt­schwie­rig­kei­ten in der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Bank und Kun­de?
 

Abteilungsleiter Bank: Das Haupt­pro­blem der man­geln­den Kre­dit­ver­ga­be der Kre­dit­wirt­schaft liegt da­rin, dass die Kun­den nicht ver­ste­hen, nach wel­chen Kri­te­ri­en Bank­kre­di­te ver­ge­ben wer­den. Es mag an der Selbst­ein­schät­zung des Kun­den lie­gen, der meis­tens glaubt, dass sei­ne Ge­schäfts­idee toll ist und er über ei­ne gu­te Bo­ni­tät ver­fügt. Die Bank hin­ge­gen ver­sucht die­se Selbst­ein­schät­zung, die na­tür­lich sehr sub­jek­tiv ist, durch ob­jek­ti­ve Be­wer­tungs­maßs­tä­be zu er­set­zen.

Dies gilt auch für die Be­wer­tung von Im­mo­bi­lien, de­ren Wert­hal­tig­keit und Ver­wert­bar­keit.

Je­der liebt sich selbst: Des­halb glaubt auch je­dermann, er sei kre­dit­wür­dig, je­der liebt sein Pro­jekt, sei es sei­ne Im­mo­bilie oder sei­ne Ge­schäfts­idee, weil er emo­tio­nal mit die­sen Din­gen ver­bun­den ist. Dies führt in der Re­gel da­zu, dass ein Kre­dit­neh­mer sich öko­no­misch an­ders ein­schätzt, als er von Drit­ten ge­se­hen wird.

Dr. Schulte: Wie er­hal­te ich denn nun ei­nen Kre­dit?

Wich­tig ist, zu ver­ste­hen, dass der Bank­mi­tar­bei­ter als klei­nes Räd­chen im gro­ßen Ge­trie­be sich an ein Prü­fungs­ras­ter hal­ten muss, und nur wenn al­le Fra­gen, die das Ras­ter aus­ma­chen mit "ja"

be­ant­wor­tet wer­den, kann es ein Dar­le­hen ge­ben.


Dr. Schulte: Was be­deu­tet das z.B. für ei­nen so ge­nann­ten Per­so­nal­kre­dit, wo je­mand ein Dar­le­hen be­kom­men möch­te, der ein Ar­beits­ein­kom­men hat?

Es muss dann so sein, dass je­mand in ei­nem un­ge­kün­dig­ten Ar­beits­ver­hält­nis steht und dass sein Ar­beits­ein­kom­men pfänd­bar seinmuss. Zu­dem braucht es ei­ne ge­wis­se Kon­ti­nui­tät am Ein­kom­men.

Die Bank fragt al­so, be­kommt der Mann oder die Frau schon seit län­ge­rer Zeit ein Ge­halt oder hat ein Ein­kom­men in die­ser Hö­he. Die Ban­ken be­trach­ten die Ver­gan­gen­heit als Ent­schei­dungs­ba­sis für die Zu­kunft. Sehr wich­tig ist der Be­ruf des Kre­dit­neh­mers. Ein Be­ruf, der in ei­nem Ras­ter als aus­sichts­reich gilt und wo in Zu­kunft Ar­beit­neh­mer nach­ge­fragt wer­den, ist we­sent­lich be­lieb­ter als Be­rufs­fel­der, in denen man im all­ge­mei­nen da­von aus­geht, dass die­se in Zu­kunft nicht mehr so stark nach­ge­fragt sein wer­den. 

Dr. Schulte: Und gewerbliche Kredite?

Glei­ches gilt im üb­ri­gen für in­dust­ri­el­le oder ge­werb­li­che Kre­dite, hier gibt es Bran­chen, die als Zu­kunfts­bran­chen gel­ten und an­de­re, die kei­ne gu­ten Zu­kunft­saus­sich­ten ha­ben. Da sieht man al­so: Schon al­lein wie man sein Pro­jekt be­nennt oder wie man er­klärt, wel­chen Be­ruf man hat, könn­te man in ein an­de­res Ras­ter fal­len?
 

Dr. Schulte: Wo­her kommt denn ei­gent­lich die Macht der Schu­fa?
 

Sie müs­sen sich das wie folgt vor­stel­len: Frü­her hat­te man ei­ne einzige Bank­ver­bin­dung und leb­te in ei­ner dörf­li­chen oder kleins­täd­ti­schen Struk­tur, heu­te will je­de Bank stän­dig neue Kun­den ge­win­nen, die Kun­den ha­ben meh­re­re Bank­ver­bin­dun­gen, es braucht stan­dar­di­sier­te Ver­fah­ren au­ßer­halb der per­sön­li­chen Prü­fung der Bo­ni­tät und als Kon­troll­in­stanz für die An­ga­ben der Kun­den. Über die Schu­fa-Aus­kunft prüft man ja auch, ob der Kun­de al­le bis­he­ri­gen Ver­bind­lich­kei­ten schon ehr­lich an­ge­ge­ben hat. 


Wenn man ehr­lich ist, wer im Klei­nen nicht kor­rekt ist, ist es auch im Großen nicht. Wer ei­ne Mo­bil­te­le­fon­rech­nung über 100,00 EUR nicht zahlt, mag zwar glau­ben, dass er über ein ho­hes und sicheres Ein­kom­men ver­fügt, die sta­tis­ti­sche Wahr­schein­lich­keit, dass es ei­ne Stö­rung in der Ge­schäfts­be­zie­hung in Zu­kunft gibt, steigt je­doch im­mens. Diese Person hat ihr Leben nicht im Griff. Wer im Klei­nen nicht kor­rekt ist, ist es auch im Gro­ßen nicht. Des­halb ist ei­ne sau­be­re Kre­di­taus­kunft durch die Schu­fa von über­ra­gen­der Be­deu­tung.Wohn­a­dres­sen sind dann sehr sehr wich­tig, wer z.B. aus Ber­lin-Char­lot­ten­burg in den Wed­ding zieht, ver­schlech­tert sei­ne Kre­dit­wür­dig­keit, auch wenn er glaubt, er sei in ei­ner hip­pen Wohn­ge­gend gezogen.

Dr. Schulte: Al­so wa­rum kön­nen Bank­mi­tar­bei­ter nicht ein­mal ein Au­ge zu­drü­cken?

Die Bank­mi­tar­bei­ter sind nicht frei in ih­ren Ent­schei­dun­gen, son­dern ein­ge­bun­den in ein Über­wa­chungs­sys­tem, wenn KO-Kri­te­ri­en da­zu füh­ren, dass kein Dar­le­hen ver­ge­ben wer­den kann, dann ist es so.
Im stan­dar­di­sier­ten Pri­vat­kun­den­ge­schäft ist es nur ei­ne Fra­ge der Da­ten­ver­ar­bei­tung, ob ein Dar­le­hen ge­währt wer­den kann oder nicht.

Dr. Schulte: Wie ist das denn dann bei gro­ßen Im­mo­bi­lien­fi­nan­zie­run­gen oder in­dust­ri­el­len Pro­jek­ten?
 
Die Ban­ken ha­ben in der Re­gel Fach­ab­tei­lun­gen, die hoch spe­zia­li­sier­te In­for­ma­tio­nen ha­ben zu ver­schie­de­nen Wirt­schaftss­tan­dor­ten und Bran­chen und de­ren Ent­wick­lungs­mö­glich­kei­ten. Zu­dem ist es so, dass die Ban­ken ver­su­chen müs­sen, ih­re Ri­si­ken zu streu­en, d.h. ei­ne Bank wird z.B.nie ver­su­chen nicht nur Wind­kraft­an­la­gen zu fi­nan­zie­ren, son­dern auch ei­ne brei­te Streu­ung zu ge­stal­ten.Auch das in­ter­ne Gleich­ge­wicht ei­ner Bank kann zu Kre­di­ta­bleh­nun­gen füh­ren, ob­wohl die Pro­jek­taus­si­chten her­aus­ra­gend sind.  Es gibt ja so­gar ge­wis­se Ban­ken, die ge­wis­se Bran­chen mei­den wie die Pest, da wer­den nie­mals Kre­di­te ver­ge­ben.
 
Na­tür­lich kommt es meis­tens auf die Schlüs­sig­keit des Kre­di­tan­tra­ges und auch auf die Si­cher­hei­ten an. In Zu­kunft wird we­gen der ver­schärf­ten Auf­sicht auf die Ban­ken die Fra­ge des ver­wert­ba­ren Ei­gen­ka­pi­tals und der ver­wert­ba­ren Si­cher­hei­ten noch wich­ti­ger. Da ist nicht nur Phan­ta­sie in Be­zug auf die Ge­schäfts­idee ge­fragt, son­dern auch in Be­zug auf die Dar­stel­lung.

Ganz wich­tig ist, dass ein An­a­lyst auf Sei­ten der Bank im Grun­de für die Bran­che und die Ge­schäfts­idee be­geis­tert wer­den muss. Man­che Ge­schäfts­ideen sind aber ein­fach nicht fi­nan­zier­bar oder zu kom­plex. Man muss ja auch se­hen, dass die Prü­fung und Ein­wer­tung ho­he Kos­ten ver­ur­sacht, die Ban­ken scheu­en. 

Im Grun­de muss ein Pro­jekt auf dem Sil­ber­ta­blett prä­sen­tiert wer­den, dann geht es we­sent­lich ein­fa­cher. Ban­ken has­sen Ver­än­de­run­gen und lie­ben ri­si­ko­lo­se Ge­schäf­te.

Ri­si­ko­lo­se Ge­schäf­te sind in ei­ner kom­ple­xen Wirt­schafts­welt aber nicht möglich.Auf der ei­nen Sei­te möch­te der Bank­mi­tar­bei­ter sei­ne be­ruf­li­che Po­si­tion be­hal­ten und nur Din­ge mit tra­gen, die ver­ant­wort­bar sind.Trans­pa­renz so­wie kla­re Dar­stel­lun­gen sind al­so an­ge­sagt.

Dif­fuse Kon­zep­te kön­nen Ban­ken nicht vor­ge­tra­gen wer­den.  Was ist zu tun, wenn mein Pro­jekt schei­tert, ich ar­beits­los wer­de oder krank? Un­be­dingt not­wen­dig ist, dass man früh­zeitig und ak­tiv auf die Bank  zu­geht und die­se in­for­miert. Der Kun­de ist ver­trag­lich  ver­pflich­tet, ei­ne Ver­än­de­rung sei­ner wirt­schaft­li­chen  Si­tua­ti­on an­zu­zeigen.

 

Was wird mir dann pas­sie­ren? 

Die Bank wird in der Re­gel mit dem Kun­den zu­sam­men nach Lö­sun­gen  su­chen und nicht sofort versuchen (das wä­re auch un­zu­läs­sig) zu kün­di­gen. 

(Anmerkung Dr. Schulte: das ist die Bankensicht; nach den allgemeinen Bedingungen der Kredite ist eine Kündigung sehr wohl möglich und rechtlich umstritten).
  
Am schlimms­ten ist es aber nichts zu tun und sich nicht zu mel­den. Wenn ei­n Kre­dit erst ein­mal ge­kün­digt ist, dann wird die Zu­stän­dig­keit von ei­ner Ab­tei­lung zur nächs­ten ge­ge­ben, so dass Sa­nie­rungs­ve­rein­ba­run­gen sehr schwie­rig sind.

Dr. Schulte: Wa­rum ist es denn so­wie­so so schwie­rig, Sa­nie­rungs­ve­rein­ba­run­gen zu tre­ffen?

Zum ei­nen ver­ur­sacht der Ab­schluss ei­ner sol­chen Ver­ein­ba­rung Auf­wand und Kos­ten, die vi­ele nicht se­hen, die ih­rer Bank stän­dig Brie­fe schrei­ben oder an­der­wei­tig an­ge­hen. Die Bank wägt ab die Si­cher­hei­ten­po­si­tion und den Ver­wer­tungs­er­lös mit der Chan­ce auf das Sa­nie­rungs­kon­zept ei­nen wirt­schaft­lich ers­tark­ten Kun­den zu ha­ben. Die Bank fragt sich im Grun­de, wo liegt die Ur­sa­che des Prob­lems? Wenn er­kannt wird, dass das Prob­lem auch durch Sa­nie­rung nicht  gelöst werden kann; wird die Bank im­mer die Ver­wer­tung von den Si­cher­hei­ten und den Ab­wick­lun­gen des En­ga­ge­ments an­stre­ben. Nur weil der Kun­de glaubt, er kön­ne über­le­ben, muss das die Bank nicht an­neh­men. 

Es kommt dann auf die Markt­ana­ly­se und die Zu­kunfts­vi­sio­nen an. Es ist z.B. nicht im­mer mög­lich durch Kos­te­nein­spa­run­gen oder Ab­ver­kauf von Tei­len zu über­le­gen.Kre­di­ten­ga­gements, die sich in der Stö­rung be­fin­den und die nicht lös­ba­re Prob­le­me mit sich brin­gen, wer­den in der Re­gel oh­ne wei­te­res ab­ge­wi­ckelt. Man nimmt dann lie­ber von Sei­ten der Bank die Ab­schrei­bung in Kauf, die zwar den Ge­winn min­dert, aber da­mit das Prob­lem auch fin­al be­en­det. 

Dr. Schulte: Wie ist das Fa­zit?
 
 

Nachdenken und Be­ra­tung ist notwendig, wer na­iv das Bank­ge­spräch sucht, um ein Dar­le­hen zu er­hal­ten, es zu ver­län­gern oder um in der Kri­se Ret­tungs­mö­glich­kei­ten zu er­ör­tern, der soll­te nicht nur sich se­hen, son­dern auch die Denk­wei­se und die Er­leb­nis­welt des Ge­gen­übers. Es geht hier nicht nur um Sympathie, sondern um die Sprach- und Denkwelt. Banker leben hier eindeutig in einer eigenen Welt.

Dr. Schulte: Vielen Dank für das Gespräch!


Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt, Bankkaufmann
Der Verfasser ist für den Inhalt verantwortlich




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