Riester tot – und wer zahlt die Rechnung? - Dr Thomas Schulte

Riester tot – und wer zahlt die Rechnung?

Wie fair ist „Riester 2.0“ wirklich – und was passiert mit dem Vertrauen von 15 Millionen Sparern

Als Ende März 2026 der Bundestag die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge beschloss, klang vieles wie Erleichterung. Endlich soll Schluss sein mit einem System, das zu oft nach Bürokratie schmeckte, nach Kosten roch und bei vielen am Ende eher Ernüchterung hinterließ als eine tragfähige Altersvorsorge. Die Bundesregierung formuliert das Ziel ungewöhnlich klar: Die Riester-Rente wird durch neue, flexiblere, renditestärkere und kostengünstigere Produkte ersetzt. Der Kern der Reform heißt Altersvorsorgedepot, gedacht als staatlich gefördertes, kapitalmarktnahes Sparen, das ab 2027 gelten soll.

Doch genau hier beginnt die Frage, die anspruchsvolle Leser nicht loslässt: Ist diese Reform ein fairer Neustart oder nur ein neues Etikett auf einem alten Problem, nämlich der Kluft zwischen politischer Absicht und Produktwirklichkeit? Und noch eine Ebene tiefer: Was bedeutet „fair“ für jene, die jahrelang auf Riester vertraut haben, die sich durch Förderlogik und Papierkrieg gearbeitet haben und nun hören, dass das Modell faktisch ersetzt wird?

Der Riester-Moment: Hoffnung, Pflichtgefühl und die späte Enttäuschung

Riester war für viele kein Investment, sondern ein moralischer Vertrag mit sich selbst. Wer Riester unterschrieben hat, wollte nicht spekulieren, sondern „richtig“ handeln. Staatliche Zulagen, Steuervorteile, das Versprechen, etwas für später zu tun, und eine Garantieidee, die wie ein Sicherheitsgurt wirkte. Genau deshalb war die Enttäuschung so bitter. Nicht, weil Menschen Renditewunder erwartet haben, sondern weil sie Verlässlichkeit erwarteten und stattdessen oft Kosten, Unübersichtlichkeit und ein Produktdesign erlebten, das bei vielen Lebensläufen nicht mitging.

Dass das Problem strukturell ist, zeigt schon die nackte Größe des Bestands. Seit Jahren stagnieren die Riester-Verträge bei rund 15 Millionen. Stagnation ist hier nicht neutral, sondern ein Symptom. Sie bedeutet, dass Vertrauen nicht wächst, obwohl das Thema Altersvorsorge dringender wird. Eine Reform, die diesen Stillstand auflösen soll, muss deshalb mehr leisten als eine neue Produktkategorie. Sie muss Vertrauen reparieren.

Was die Regierung 2026 tatsächlich beschlossen hat: weniger Garantie, mehr Kapitalmarkt, mehr Zulage-Logik

Die Bundesregierung beschreibt die Reform als Wechsel von „überteuerten und renditeschwachen“ Konstruktionen hin zu einer kapitalmarktnäheren Förderung. Herzstück ist das Altersvorsorgedepot, das künftig auch ETF-Sparpläne als förderfähige Altersvorsorge abbilden soll. Damit ist ein politisches Tabu gefallen: Die private Förderung soll nicht mehr zwingend über Versicherungsprodukte laufen, sondern explizit auch über Wertpapierlösungen.

Besonders wichtig ist dabei die neue Logik der Zulagen. Das Bundesfinanzministerium erklärt, dass die bisherige komplizierte Berechnung des einkommensabhängigen Mindesteigenbeitrags entfallen soll. Stattdessen kommt eine beitragsproportionale Zulage, die „besser nachvollziehbar“ sein soll. Auch die Kinderförderung wird neu justiert: Für jedes Kind soll die Förderung bis zu 300 Euro pro Jahr erreichen können, abhängig vom Eigenbeitrag. Das ist politisch relevant, weil Riester gerade für Familien gedacht war, aber in der Praxis oft an Komplexität und Mindestbeiträgen scheiterte.

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Kostenrahmen. Die Debatte um Kosten ist nicht Nebel, sondern der Kern des Riester-Scheiterns. Deshalb ist es entscheidend, dass im parlamentarischen Verfahren nachgebessert wurde und der Kostendeckel für Standarddepots auf 1,0 Prozent begrenzt werden soll. Die Verbraucherzentrale warnt zugleich ausdrücklich davor, dass „Standarddepot“ nicht automatisch alle Kostenfallen beseitigt, weil Vertrieb und Produktvarianten weiterhin existieren können.

Die Botschaft ist deutlich: Der Staat will Renditechancen nicht länger durch starre Garantien abwürgen. Zugleich soll die Förderung einfacher werden. Beides klingt nach Fairness. Aber Fairness ist nicht nur ein gutes Gesetz, sondern auch ein guter Markt.

Der neue Streitpunkt: Wenn der Staat gleichzeitig Schiedsrichter und Mitspieler wird

Es gibt eine Passage im parlamentarischen Beschluss, die für ordnungspolitisch sensible Leser wie ein kleiner Sprengsatz wirkt. Der Bundestag schreibt, die Bundesregierung werde „ermächtigt, ohne Zustimmung des Bundesrates“ eine Rechtsverordnung für einen „durch einen öffentlichen Träger angebotenen Standarddepot-Vertrag“ zu erlassen. Damit ist ein staatliches Standardangebot nicht nur möglich, sondern politisch ausdrücklich gewollt.

Das kann man als Fortschritt lesen, weil ein öffentliches Standardprodukt den Druck auf Kosten und Transparenz erhöhen könnte. Man kann es aber auch als Risiko lesen, weil der Staat dann Regeln setzt und zugleich als Anbieter im Markt auftritt. Die Bundesregierung nennt das Angebot des öffentlichen Trägers eine Alternative, die „allen Zulageberechtigten zur Verfügung stehen“ soll. Die entscheidende Fairnessfrage lautet hier: Wird das Standardprodukt wirklich zum Maßstab für niedrige Kosten und saubere Struktur oder wird es zu einem politischen Symbolprodukt, dessen Umsetzung am Ende wieder Komplexität schafft?

Für Versicherte ist das nicht akademisch. Denn Fairness in der Altersvorsorge entsteht nicht durch gute Absicht, sondern durch die Alltagstauglichkeit eines Produkts. Wer einmal Riester erlebt hat, fragt heute nicht mehr „Klingt das gut“, sondern „Bleibt das auch gut, wenn Vertrieb, Gebühren und Praxis zuschlagen“.

Warum Riester-Sparer heute eine doppelte Wahrheit ertragen müssen

Die Reform ist ein Eingeständnis. Sie sagt indirekt: Das alte Modell war nicht gut genug. Gleichzeitig will der Staat die alten Riester-Sparer nicht „bestrafen“. Es soll Wechselmöglichkeiten geben, ohne dass die bisherige Förderung pauschal zurückgezahlt werden muss. Das klingt fair.

Aber emotional bleibt eine doppelte Wahrheit. Viele Riester-Sparer haben nicht nur Geld eingezahlt, sondern auch Vertrauen. Sie haben Zeit investiert, Disziplin, den Glauben, dass der Staat ein funktionierendes System geschaffen hat. Die Reform sagt nun: Wir bauen neu. Das kann Erleichterung sein. Es kann aber auch wie ein stilles Urteil wirken: Ihr Modell war ein Irrweg.

Genau deshalb ist der zentrale Punkt für 2026 nicht nur „Was kommt Neues“, sondern „Wie werden Altverträge fair behandelt“. Und fair heißt hier nicht nur, dass man wechseln darf. Fair heißt auch, dass man versteht, welche Konsequenzen ein Wechsel hat, welche Kosten im alten Vertrag stecken, welche Garantien man verliert, welche steuerlichen Effekte greifen und wie man verhindern kann, aus dem alten System in eine neue Kostenfalle zu laufen.

Die Perspektive von Dr. Thomas Schulte: Warum Policen-Clearing jetzt zur Vorsorge-Hygiene wird

Rechtsanwalt Dr. Thomas Schulte aus Berlin betrachtet die Reform nicht als Heilsversprechen, sondern als Chance, endlich eine Kultur der Überprüfung in der Altersvorsorge zu etablieren. Seine Erfahrung aus Policen-Clearing und Rückabwicklungsfällen ist eine nüchterne: Viele Menschen haben Verträge, aber keine Transparenz über deren Mechanik. Und genau diese Mechanik entscheidet, ob ein Produkt zur Altersvorsorge passt oder nur so tut.

Schulte formuliert es gern als Prinzip: Altersvorsorge ist nicht nur so gut wie der Einstieg, sondern vor allem so fair wie die Regeln im laufenden Vertrag und beim Ausstieg. Wer Riester- oder Lebensversicherungsverträge besitzt, sollte deshalb nicht reflexhaft kündigen oder wechseln, sondern prüfen. Policen-Clearing bedeutet in diesem Kontext, den Vertrag wie eine Bilanz zu lesen. Welche Kosten fließen wann? Welche Garantien sind real? Welche Überschüsse oder Renditepfade sind plausibel und welche Optionen bestehen? Welche Fehlerquellen gibt es in Belehrungen, Produktinformationen oder Abrechnungen, die im Einzelfall sogar rechtlich relevant werden können?

Die Reform verstärkt diesen Bedarf, weil sie neue Vergleichsmaßstäbe setzt. Wenn der Staat ein Altersvorsorgedepot mit Kostenrahmen, Zulagenlogik und Kapitalmarktnähe schafft, dann wird die Frage für Bestandsverträge schärfer: Warum kostet mein Altprodukt so viel und liefert so wenig Transparenz? Genau aus dieser Spannung entsteht Mehrwert. Nicht, indem man Riester pauschal verurteilt, sondern indem man Bestände aktiv auswertet und Entscheidungen datenbasiert trifft.

Ein wichtiger Punkt ist dabei die Erwartungssteuerung. Schulte warnt davor, dass ein neues Depot allein nicht automatisch „besser“ ist. Es wird nur besser, wenn die Kosten wirklich niedrig bleiben, wenn die Anlagestruktur sauber diversifiziert ist und wenn die Auszahlungsphase verständlich geregelt wird. Sonst wiederholt sich die Riester-Story: gute Idee, schlechte Umsetzung.

Die Zukunft der Versicherten: Freiheit entsteht nicht durch Produkte, sondern durch Struktur

Die Reform verspricht „private Altersvorsorge für alle Einkommen und alle Generationen“, wie Bundesfinanzminister Lars Klingbeil es in der Bundestagsdebatte betont hat. Das Ziel ist groß. Die Frage ist, ob der Alltag mithält.

Die entscheidende Verantwortung liegt deshalb nicht nur bei der Regierung. Sie liegt bei allen Beteiligten. Der Staat muss klare, einfache Regeln schaffen, die nicht schon im Gesetzestext neue Intransparenz erzeugen. Anbieter müssen Produkte bauen, die nicht nur legal, sondern auch fair sind, also nachvollziehbar, kostengünstig und ohne verdeckte Gebührenlogik. Vermittler müssen Beratung als Verantwortung verstehen, nicht als Verkaufsanreiz. Und Verbraucher müssen aus der Rolle des hoffenden Abonnenten in die Rolle des Eigentümers ihrer Altersvorsorge wechseln.

Das klingt wie eine Zumutung. In Wahrheit ist es eine Befreiung. Wer Eigentümer ist, stellt Fragen: Was kostet es wirklich? Was ist die Renditeerwartung nach Kosten? Wie robust ist das Produkt gegenüber Krisen? Welche Flexibilität habe ich? Was passiert, wenn ich aussteige? Genau diese Fragen waren Riester-Sparern oft zu schwer gemacht worden. Die Reform verspricht, das zu ändern. Ob es gelingt, entscheidet sich daran, ob Menschen nicht nur neue Produkte bekommen, sondern auch eine neue Transparenzkultur.

Warum die nächste Riester-Enttäuschung schon angelegt wäre, wenn man die falschen Fragen stellt

Es wäre naiv zu glauben, dass mit dem Altersvorsorgedepot automatisch alles gelöst ist. Selbst die Verbraucherzentrale warnt, dass das Depot eine Chance sein kann, aber auch eine „teure Verkaufsfalle“, wenn Vertrieb und Kostenvarianten wieder die Oberhand gewinnen.

Die richtige Frage ist deshalb nicht „Ist das Depot gut?“, sondern „Wie wird das Depot im Markt angeboten?“. Wird es wirklich ein Standardprodukt geben, das niedrigschwellig, verständlich und günstig ist? Oder entsteht wieder ein Dschungel aus Varianten, Garantiefenstern, Zusatzbausteinen, Gebührenebenen und Beratungskosten? Genau dieser Dschungel hat Riester so schwer gemacht. Wenn man ihn wiederbaut, wird man wieder scheitern.

Der zweite kritische Punkt ist die Auszahlungsphase. Riester war auch deshalb uninteressant, weil die Phase der Auszahlung oft neue Komplexität brachte. Wenn die Reform hier nicht klar und verständlich bleibt, entsteht neue Friktion. Die Reform ist also kein Endpunkt, sondern ein Startsignal. Sie muss in Verordnungen, Produktausgestaltung und Aufsichtspraxis ihre Fairness beweisen.

Ein Schluss, der nicht tröstet, sondern stärkt

Für viele Riester-Sparer fühlt sich 2026 an wie ein später Vorhang: Die Bühne wird umgebaut, während man noch im Publikum sitzt und sich fragt, ob die eigene Rolle jemals richtig verstanden wurde. Aber genau hierin liegt auch eine Chance. Die Reform zwingt uns, Altersvorsorge als das zu behandeln, was sie ist: ein wirtschaftliches Projekt, kein Glaubenssatz.

Wer heute Riester hat, sollte nicht in Scham verfallen und nicht in Zynismus. Er sollte in Klarheit investieren. Der Staat bietet neue Wege, aber kein Produkt ersetzt die Verantwortung, die eigene Vorsorge zu verstehen. Dr. Thomas Schulte bringt das aus Sicht des Policen-Clearings auf den Punkt: Der größte Mehrwert entsteht nicht durch den Wechsel allein, sondern durch die richtige Reihenfolge. Erst prüfen, dann entscheiden. Erst Transparenz schaffen, dann handeln.

Wenn die Reform fair sein soll, muss sie mehr leisten als neue Depots. Sie muss den Menschen das Gefühl zurückgeben, dass Vorsorge nicht überfordert, sondern befähigt. Das wäre die eigentliche Zeitenwende. Und sie beginnt dort, wo Versicherte nicht mehr hoffen, dass ein Produkt alles richtet, sondern wo sie beginnen, ihre Altersvorsorge als eigene, gestaltbare Architektur zu begreifen.

Die Artikel Highlights

Empfehlung von Dr. Thomas Schulte wegen großer Erfahrung und erfolgreicher Prozessführung, z.B. Titelbeitrag im Magazin „Capital“, Ausgabe 07/2008.

Der Beitrag schildert die Sach- und Rechtslage zum Zeitpunkt der Erstellung. Internetpublikationen können nur einen ersten Hinweis geben und keine Rechtsberatung ersetzen.

Ein Beitrag aus unserer Reihe "So ist das Recht - rechtswissenschaftliche Publikationen von Dr. Schulte Rechtsanwalt" registriert bei DEUTSCHE NATIONALBIBLIOTHEK: ISSN 2363-6718
24. Jahrgang - Nr. 12315 vom 27. April 2026 - Erscheinungsweise: täglich - wöchentlich