Was Ihre Lebens- und Rentenversicherung wirklich leistet - Dr Thomas Schulte

Was Ihre Lebens- und Rentenversicherung wirklich leistet – und warum viele Verträge heimlich Geld vernichten

Über Jahrzehnte galt sie als Fels in der Brandung der Altersvorsorge: die Lebens- oder Rentenversicherung. Monat für Monat flossen Beiträge, begleitet von dem beruhigenden Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Sicherheit statt Spekulation, Verlässlichkeit statt Risiko, so lautete das Versprechen, das Generationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz überzeugt hat. Doch dieses Versprechen beginnt zu bröckeln. Nicht aus Ideologie, sondern aus nüchternen Zahlen.

Denn eine Frage stellen sich viele Versicherte erst verspätet, manchmal zu spät: Was hat meine Police tatsächlich erwirtschaftet? Nicht prognostisch, nicht theoretisch, sondern real. Heute. Nach Kosten. Nach Inflation. Und genau diese Frage entwickelt sich 2026 zu einer der zentralen Herausforderungen der privaten Altersvorsorge im gesamten DACH-Raum.

Die Zahlen sind unbequem. Laut OECD lag die durchschnittliche reale Rendite klassischer Lebensversicherungen in Europa zwischen 2010 und 2022 vielfach unter einem Prozent, teilweise sogar im negativen Bereich. Gleichzeitig lag die durchschnittliche Inflationsrate im Euroraum in den Jahren 2021 bis 2023 bei über fünf Prozent. Wer also nominale Zuwächse sieht, verliert real oft Kaufkraft. Das Geld wächst – aber es wird weniger wert.

Trotzdem halten viele Versicherte an ihren Verträgen fest. Warum? Weil sie die tatsächliche Rendite nicht kennen.

Die Illusion der Sicherheit – warum Standmitteilungen mehr verschleiern als erklären

Jahr für Jahr erhalten Versicherte ihre Standmitteilung. Mehrere Seiten Papier, Zahlenkolonnen, Garantiewerte, Überschussbeteiligungen, Hochrechnungen. Doch die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wie hat sich mein Vertrag bislang wirklich entwickelt? Was ist aus meinen Einzahlungen geworden, gemessen an Zeit, Risiko und Kaufkraft?

„Die meisten Versicherungsnehmer lesen diese Mitteilungen, ohne sie wirklich einordnen zu können“, sagt Rechtsanwalt Dr. Thomas Schulte, seit über drei Jahrzehnten spezialisiert auf Versicherungs- und Kapitalmarktrecht. „Es werden Ablaufleistungen in ferner Zukunft genannt, aber kaum jemand erkennt, wie niedrig die tatsächliche Verzinsung heute ist.“

Tatsächlich arbeiten viele Standmitteilungen mit optimistischen Szenarien, nicht mit der Vergangenheit. Sie zeigen, was sein könnte, nicht, was ist. Verwaltungskosten, Abschlusskosten, Risikokosten und interne Umschichtungen verschwinden im Kleingedruckten. Für Verbraucher entsteht so ein trügerisches Gefühl von Stabilität.

Ein Blick auf die Garantiezinsen zeigt, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinanderliegen. Während Policen aus den 1990er-Jahren noch Garantiezinsen von bis zu vier Prozent versprachen, liegt der Höchstrechnungszins für Neuverträge seit 2022 bei lediglich 0,25 Prozent. Selbst Altverträge können diese Versprechen oft nur noch rechnerisch halten, real verlieren sie an Wert.

Alte Lebensversicherungen prüfen - Dr Thomas Schulte

Der Renditerechner als Realitätscheck – wenn Zahlen plötzlich Klarheit schaffen

Erst mit der Berechnung der tatsächlichen Rendite fällt der Schleier. Moderne Renditerechner setzen die Summe aller bisher gezahlten Beiträge ins Verhältnis zum aktuellen Vertragswert, berücksichtigen Laufzeit und Zeitwert und liefern eine nüchterne Zahl. Keine Prognose. Kein Marketing. Nur Realität.

Viele Versicherte reagieren schockiert, wenn sie diese Zahl sehen. Renditen von ein bis zwei Prozent, häufig sogar darunter und vor Kosten. Nach Inflation bedeutet das oft einen realen Verlust. „Manche Verträge performen schlechter als Bargeld“, so Dr. Schulte. „Nur fällt das kaum auf, weil der Kontostand langsam wächst.“

Genau darin liegt die Gefahr. Ein wachsender Betrag suggeriert Erfolg, während die Kaufkraft sinkt. Das Kapital arbeitet nicht mehr für den Versicherten – der Versicherte arbeitet für den Vertrag.

Dabei ist diese Erkenntnis kein Angriff auf Versicherungen als solche. Sie ist eine Einladung zur Ehrlichkeit. Denn erst Transparenz ermöglicht eine informierte Entscheidung.

Wenn die Rendite unter der Inflation liegt – warum Nichtstun die teuerste Option ist

Liegt die Rendite unterhalb der Inflationsrate, verliert das angesparte Kapital jedes Jahr an realem Wert. Das gilt selbst dann, wenn am Ende eine höhere nominale Auszahlung steht. Versicherte sparen sich buchstäblich arm.

Und doch entscheiden sich viele aus Angst vor Fehlern fürs Weiterlaufenlassen. Kündigen erscheint riskant, Alternativen sind unklar, der Vertrag wirkt komplex. Genau hier setzt das Konzept des Policen-Clearing an: nicht als Schnelllösung, sondern als systematische Überprüfung.

„Kündigen ist fast immer die schlechteste Option“, betont Dr. Schulte. „Sie führt häufig zu erheblichen Verlusten, weil Abschluss- und Verwaltungskosten sofort wirksam werden.“ Wer kündigt, verzichtet oft auf vertragliche Ansprüche, die rechtlich oder wirtschaftlich noch nutzbar wären.

Doch um das beurteilen zu können, braucht es zunächst Klarheit über die Rendite. Sie ist der Ausgangspunkt jeder seriösen Entscheidung.

Rückkaufswert, Todesfallleistung und stille Fallen im Vertrag

Ein besonders unterschätzter Punkt ist das Verhältnis von Rückkaufswert und Todesfallleistung. In vielen Verträgen findet sich die Klausel, dass der Rückkaufswert auf die Todesfallleistung begrenzt ist. Klingt technisch, hat aber massive finanzielle Folgen.

Ein Praxisfall verdeutlicht die Problematik: Ein Versicherungsvertrag weist zum aktuellen Zeitpunkt einen rechnerischen Rückkaufswert von 42.870 Euro aus, während die vertraglich maßgebliche Todesfallleistung lediglich 33.950 Euro beträgt. Entscheidet sich der Versicherte für eine Kündigung, zahlt der Versicherer nicht den höheren Rückkaufswert aus, sondern begrenzt die Auszahlung auf die niedrigere Todesfallleistung. Rund 8.900 Euro des angesparten Kapitals bleiben damit vorerst gebunden und stehen dem Versicherungsnehmer nicht zur Verfügung, häufig erst zum vereinbarten Renten- oder Ablaufzeitpunkt, ungewiss, welche reale Kaufkraft dieser Betrag dann noch haben wird.

„Viele Versicherte wissen das nicht“, sagt Dr. Schulte. „Sie gehen davon aus, dass ihnen ihr gesamtes Guthaben zusteht. Tatsächlich greift hier eine vertragliche Begrenzung, die wirtschaftlich gravierend ist.“

Genau solche Konstellationen machen eine nüchterne Rendite- und Vertragsanalyse unverzichtbar. Denn erst sie zeigt, welche Optionen überhaupt offenstehen.

Warum Policen Clearing 2026 an Bedeutung gewinnt

Die Versicherungsbranche steht unter Druck. Niedrige Zinsen, steigende Kosten, strengere Regulierung. Gleichzeitig wächst bei Verbrauchern das Bedürfnis nach Transparenz. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge geben über 60 Prozent der Befragten an, ihre private Altersvorsorge nicht ausreichend zu verstehen.

Policen-Clearing ist eine Antwort auf diese Unsicherheit. Es geht nicht darum, Versicherungen pauschal abzuwerten, sondern sie messbar zu machen. Rendite, Kosten, Bindung, Alternativen. Erst wenn diese Faktoren offenliegen, kann entschieden werden, ob ein Vertrag weitergeführt, angepasst, verkauft oder rechtlich überprüft werden sollte.

„Transparenz ist der erste Schritt zur Kontrolle“, fasst Dr. Schulte zusammen. „Wer seine Rendite kennt, verliert die Angst vor Entscheidungen.“

Ein juristischer Schlusspunkt mit Wirkung weit über den Einzelfall hinaus

Am Ende dieser Entwicklung steht auch die Rechtsprechung, die den Versicherungsmarkt nachhaltig verändert hat. Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs zum Widerruf von Lebensversicherungen haben deutlich gemacht, dass fehlerhafte oder unvollständige Belehrungen nicht folgenlos bleiben dürfen, selbst viele Jahre nach Vertragsschluss. Diese Urteile waren kein Zufall, sondern Ergebnis eines langen juristischen Ringens um Transparenz, Verbraucherrechte und faire Vertragsgrundlagen. Dr. Thomas Schulte zählt zu den wenigen Anwälten, die diese Entwicklung über Jahre hinweg maßgeblich mitgeprägt haben, indem sie zentrale Argumentationslinien frühzeitig erkannt, in Verfahren eingebracht und konsequent weiterverfolgt haben. Für die Versicherungsbranche bedeutete dies einen Wendepunkt: Sie musste ihre Vertragsmodelle, Belehrungen und Prozesse anpassen und weiterentwickeln. Für Versicherte wiederum eröffnete sich erstmals real die Möglichkeit, alte Gewissheiten zu hinterfragen und Verträge nicht mehr als unveränderliches Schicksal, sondern als überprüfbare Rechtsbeziehungen zu begreifen.

Die Artikel Highlights

Empfehlung von Dr. Thomas Schulte wegen großer Erfahrung und erfolgreicher Prozessführung, z.B. Titelbeitrag im Magazin „Capital“, Ausgabe 07/2008.

Der Beitrag schildert die Sach- und Rechtslage zum Zeitpunkt der Erstellung. Internetpublikationen können nur einen ersten Hinweis geben und keine Rechtsberatung ersetzen.

Ein Beitrag aus unserer Reihe "So ist das Recht - rechtswissenschaftliche Publikationen von Dr. Schulte Rechtsanwalt" registriert bei DEUTSCHE NATIONALBIBLIOTHEK: ISSN 2363-6718
24. Jahrgang - Nr. 12376 vom 4. Juni 2026 - Erscheinungsweise: täglich - wöchentlich