Schulden getilgt, Eintrag gelöscht? Was der BGH entschied – Dr. Thomas Schulte

Schulden getilgt, Eintrag gelöscht? Was der BGH zur SCHUFA-Speicherfrist entschieden hat

Bezahlt heißt nicht gelöscht: Der Bundesgerichtshof hat am 18. Dezember 2025 das Urteil des OLG Köln aufgehoben. Welche Speicherfristen jetzt gelten und welche Hebel Betroffenen bleiben.

Update 22. Oktober 2026: Der Bundesgerichtshof hat das Kölner Urteil aufgehoben – bezahlt heißt nicht sofort gelöscht

Von Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt, Berlin · veröffentlicht am 10. Dezember 2025 · aktualisiert am 22. Oktober 2026

Kurz gesagt: Die SCHUFA muss einen Eintrag über eine bezahlte Forderung nicht sofort löschen. Der Bundesgerichtshof hat am 18. Dezember 2025 das Urteil des OLG Köln aufgehoben (I ZR 97/25): Erledigte Zahlungsstörungen bleiben in der Regel drei Jahre ab dem Ausgleich gespeichert, bei Zahlung binnen 100 Tagen nach der Meldung 18 Monate. Kürzer nur bei besonderen Umständen. Die SCHUFA-Speicherfrist ist damit geklärt – und enger, als viele gehofft hatten.

Die Debatte um die Löschung bezahlter Schufa-Einträge bekam 2025 eine neue Dynamik – juristisch und politisch. Mit dem vielbeachteten Urteil des Oberlandesgerichts (OLG) Köln vom 10. April 2025 (15 U 249/24) stand die wohl mächtigste Wirtschaftsauskunftei Deutschlands erstmals ernsthaft unter rechtlichem Druck. Das Gericht verlangte, einen Negativeintrag über eine bezahlte Forderung nach dem Ausgleich zu löschen statt ihn drei Jahre zu speichern, und sprach dem Kläger 500 Euro immateriellen Schadensersatz zu. Um das automatisierte Scoring nach Artikel 22 DSGVO ging es in diesem Verfahren nicht – diese Frage haben der Europäische Gerichtshof am 7. Dezember 2023 (C-634/21) und der Bundesgerichtshof am 21. Oktober 2026 (I ZR 227/25 u. a.) entschieden; mehr dazu in unserem Beitrag zum BGH-Urteil über die SCHUFA-Auskunft.

Die SCHUFA ging in Revision – und der Bundesgerichtshof hat am 18. Dezember 2025 entschieden (I ZR 97/25): Das Kölner Urteil ist aufgehoben und zurückverwiesen. Für die SCHUFA gilt keine starre Löschpflicht bei Zahlung, sondern eine Interessenabwägung nach Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Die Fristen der Verhaltensregeln der Wirtschaftsauskunfteien – drei Jahre ab dem Ausgleich, 18 Monate bei Zahlung binnen 100 Tagen nach der Meldung und sonst sauberer Auskunft – hält der BGH für einen grundsätzlich angemessenen Interessenausgleich. Die Registerfristen des Schuldnerverzeichnisses lassen sich nicht übertragen. Zahlungsverzugsdaten bleiben also in der Scorebildung, auch wenn die Schulden getilgt sind. Was Betroffene jetzt noch tun können, steht in unserem Beitrag zum BGH-Urteil zur Speicherfrist.

Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Datenschutz- und Auskunfteienrecht, sah in dem Kölner Urteil vor der Entscheidung des BGH mehr als nur einen Einzelfall: „Wenn der BGH dem OLG Köln folgt, wäre das juristisch ein Donnerschlag. Es würde heißen: Die Schufa darf nicht mehr alles, nur weil sie es technisch kann. Das wäre das Ende der Bewertungs-Autonomie per Mausklick – und der Beginn einer neuen Ära des transparenten Datenrechts.“

Die Angst der Wirtschaft vor mehr Zahlungsausfällen sei nachvollziehbar, so Schulte – aber nicht entscheidend: „Datenschutz ist kein Schönwetterrecht. Wer mit Daten handelt, trägt Verantwortung. Und wenn das Geschäftsmodell nicht DSGVO-konform ist, muss es angepasst werden – nicht das Gesetz.“

Der Bundesgerichtshof hat anders entschieden als das OLG Köln. An dieser Haltung ändert das nichts – an der Rechtslage schon.

Den Lackmustest für das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlichem Interesse und individueller Freiheit hat der BGH entschieden – zugunsten der bisherigen Speicherpraxis, mit zwei Grenzen: Die genehmigten Verhaltensregeln sind der Maßstab, und besondere Umstände des Einzelfalls können eine frühere Löschung erzwingen, wenn sie dem Löschungsinteresse ein wesentlich überdurchschnittliches Gewicht geben. Über die Kreditwürdigkeit entscheidet damit weiter ein Score, in den auch erledigte Zahlungsstörungen einfließen.

Für Verbraucher heißt das: Der erhoffte Automatismus „bezahlt gleich gelöscht“ ist vom Tisch. Was bleibt, sind drei Wege. Erstens die 100-Tage-Regel: Wer binnen 100 Tagen nach der Meldung zahlt und sonst keine Negativdaten hat, ist den Eintrag nach 18 statt nach 36 Monaten los. Zweitens besondere Umstände, die belegt werden müssen – übliche Folgen wie eine Kreditabsage oder eine schwierige Wohnungssuche reichen dafür nicht. Drittens die Prüfung, ob die Meldung von Anfang an unberechtigt war, etwa weil die Forderung bestritten und nicht belegt war; dann muss der Meldende sie widerrufen (BGH, Urteil vom 12. Mai 2026, VI ZR 375/24 – mehr in unserem Beitrag zu bestrittenen Forderungen).

„Der Anspruch auf Löschung ist nicht nur ein bürokratisches Detail, sondern ein Ausdruck der Menschenwürde und der zweiten Chance“, erklärt Dr. Thomas Schulte. „Wer seine Schulden begleicht, verdient ein sauberes Register und einen unbelasteten Neuanfang.“

Was der BGH zur Speicherdauer sagt

In der Praxis der Auskunfteien gilt ein einfaches Schema: Auch nach der Rückzahlung offener Forderungen bleibt der negative Eintrag bis zu drei Jahre im System. Das sei notwendig, so die Unternehmen, um wirtschaftliche Risiken bei Kreditentscheidungen einschätzen zu können. Das Oberlandesgericht Köln hatte dieser Argumentation eine Absage erteilt und die Regel des Schuldnerverzeichnisses übertragen, wo ein Eintrag mit dem Nachweis der Zahlung gelöscht wird (§ 882e Abs. 3 ZPO). Der Bundesgerichtshof hält diese Übertragung für falsch: Das Schuldnerverzeichnis nennt weder Gläubiger noch Forderungshöhe und nimmt einen Schuldner erst auf, wenn ein Titel vorliegt und die Vollstreckung scheitert. Die SCHUFA erfährt von Zahlungsstörungen früher und zeichnet ein genaueres Bild. Auch der Erledigungsvermerk hilft wenig, weil erledigte Zahlungsstörungen weiter in den Score einfließen. Schadensersatz nach Art. 82 DSGVO kommt in Betracht, wenn die Speicherung nicht über ihren gesamten Zeitraum rechtmäßig war; offen ist, ob sich die SCHUFA mit der Einhaltung der genehmigten Verhaltensregeln entlasten kann.

Für die Betroffenen bedeutet das: Wer seine Schulden begleicht, kann die Löschung erst verlangen, wenn die Regelfrist abgelaufen ist – oder wenn er besondere Umstände darlegt, die sein Löschungsinteresse ausnahmsweise überwiegen lassen.

Was vielen Verbrauchern bislang nicht bekannt war: Die DSGVO gibt ihnen bereits heute umfassende Rechte an die Hand. So können Sie bei der Schufa jederzeit kostenlos eine Kopie Ihrer gespeicherten Daten anfordern (Art. 15 DSGVO). Dort können sämtliche gespeicherte Daten überprüft und gegebenenfalls auch unzulässige oder veraltete Einträge identifiziert werden. Im Fall beglichener Schulden lohnt der Blick auf drei Daten: Meldung, Ausgleich und weitere Negativmerkmale. Daraus ergibt sich, ob drei Jahre oder 18 Monate gelten – und ob die Frist womöglich schon abgelaufen ist. Dann können Sie die Löschung verlangen (Art. 17 DSGVO). Kommt die Schufa dem nicht nach, ist der nächste Schritt eine Beschwerde bei der zuständigen Datenschutzbehörde oder der Gang zum Anwalt. Wie die 100-Tage-Regel im Einzelnen funktioniert, lesen Sie in unserem Beitrag „18 statt 36 Monate“.

Auch Dr. Thomas Schulte empfiehlt schnelles und entschlossenes Handeln: „Verbraucher sollten nicht zögern, ihr Recht geltend zu machen. Die DSGVO ist auf ihrer Seite – wenn sie ihren Fall sauber belegen.“

Die Bedeutung für die digitale Gesellschaft

Der Streit um das Kölner Urteil war mehr als eine juristische Weichenstellung, er hat eine Grundsatzfrage offengelegt. In Zeiten, in denen Algorithmen über finanzielle oder wohnliche Zukunftschancen entscheiden, sind Transparenz und Fairness entscheidend. Negative Schufa-Einträge sind für viele Menschen zu einem regelrechten Damoklesschwert geworden. Selbst bei unbeabsichtigten Zahlungsverzügen oder nach der vollständigen Rückzahlung können sie den Zugang zu grundlegenden Lebensbereichen blockieren. Der psychologische Druck, der von einem solchen Eintrag ausgeht, ist ebenso real wie die wirtschaftlichen Konsequenzen.

Für ehemalige Schuldner wäre der richterlich verankerte Anspruch auf Löschung ein starkes Signal. Er bringt nicht nur objektive Erleichterung, sondern stärkt auch das subjektive Gefühl, wieder ein vollwertiger Teil der Gesellschaft zu sein. Gleichzeitig werden Unternehmen wie die Schufa in die Pflicht genommen, ihre Geschäftspraktiken kritisch zu hinterfragen und gesetzeskonform zu gestalten.

Der Datenschutz ist längst zu einem der zentralen Themen moderner Gesellschaften geworden. Die Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und individueller Freiheit wird nicht zuletzt durch die DSGVO neu definiert. Und gerade das Recht auf Vergessenwerden würde in diesem Kontext seine volle Kraft zeigen. Es ermöglicht Menschen, nicht dauerhaft durch vergangene Fehler gebrandmarkt zu bleiben, sondern sich neu zu positionieren. Wer zahlt, soll nicht ewig leiden, dies könnte das neue Credo einer digitalen Verantwortungskultur sein.

Fazit: Vertrauen ist keine Einbahnstraße

Die Entscheidung des BGH ist nüchterner als das Kölner Urteil – aber sie schafft Klarheit. Wer Schulden zurückzahlt, wer Verantwortung übernimmt, bekommt nicht sofort ein sauberes Register, wohl aber eine feste Frist: drei Jahre, bei schneller Zahlung 18 Monate. Negative Einträge ohne rechtmäßigen Grund – falsche, bestrittene, länger als erlaubt gespeicherte – gehören dagegen gelöscht, und dafür gibt es Ansprüche.

Ganz zu Ende erzählt ist die Geschichte nicht: Das OLG Köln muss nach der Zurückverweisung prüfen, ob die Speicherung im Ausgangsfall über den gesamten Zeitraum rechtmäßig war, und über Schadensersatz entscheiden. Offen ist auch, ob sich die SCHUFA mit der Einhaltung der genehmigten Verhaltensregeln entlasten kann (Art. 82 Abs. 3 DSGVO). Für die große Linie gilt aber: Der Bundesgerichtshof hat das Machtgefüge nicht verändert, er hat es bestätigt – mit klaren Fristen.

Dr. Thomas Schulte, Rechtsanwalt und langjähriger Verbraucherschützer, ordnete vor der Entscheidung ein: „Sollte der BGH das Urteil bestätigen, wäre das nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Es wäre das Ende der Score-Diktatur und der Anfang einer Ära, in der nicht der Algorithmus, sondern das Grundrecht entscheidet. Die Revisionsentscheidung wird zur Gretchenfrage der digitalen Gerechtigkeit.“

Der BGH hat die Gretchenfrage beantwortet – zugunsten der Auskunfteien. Umso wichtiger ist, dass Betroffene die verbliebenen Hebel kennen: die 100-Tage-Regel, belegbare besondere Umstände und die Prüfung, ob die Meldung überhaupt berechtigt war.

Für Verbraucher heißt das: Fristen kennen, Daten prüfen, Belege sammeln – und bei falschen oder bestrittenen Einträgen nicht zögern. Digitale Fairness ist kein Geschenk. Sie ist ein Recht, das man kennen, schützen und notfalls einklagen muss.

Aktualisiert am 22. Oktober 2026: Der Beitrag beschrieb das Urteil des OLG Köln vom 10. April 2025 als wegweisend; der Bundesgerichtshof hat es am 18. Dezember 2025 aufgehoben (I ZR 97/25). Titel, Einstieg und die Angaben zu Speicherfristen, Scoring und Schadensersatz wurden entsprechend berichtigt.

Die Artikel Highlights

Empfehlung von Dr. Thomas Schulte wegen großer Erfahrung und erfolgreicher Prozessführung, z.B. Titelbeitrag im Magazin „Capital“, Ausgabe 07/2008.

Der Beitrag schildert die Sach- und Rechtslage zum Zeitpunkt der Erstellung. Internetpublikationen können nur einen ersten Hinweis geben und keine Rechtsberatung ersetzen.

Ein Beitrag aus unserer Reihe "So ist das Recht - rechtswissenschaftliche Publikationen von Dr. Schulte Rechtsanwalt" registriert bei DEUTSCHE NATIONALBIBLIOTHEK: ISSN 2363-6718
24. Jahrgang - Nr. 11964 vom 10. Dezember 2025 - Erscheinungsweise: täglich - wöchentlich